Die „digitale“ Unterwelt also…

Wer seinen Computer mit dem Internet verbindet, läuft Gefahr, ausgespäht und abgezockt zu werden. Auch Antivirensoftware und Firewalls schützen nur bedingt.

Der Spiegel 27/2011, S.36

Hamburg, 2011

Ein männlicher Mittfünfziger, der gerne Kite-Buggy in St.Peter-Ording fährt, will sich die „spektakulären Bilder seiner Strandrennen […] zu Hause gerne hochauflösend [an]sehen“. Aber hey, im Laden kostet so ein Flachbildfernseher ja das doppelte, als im – auf den ersten Blick absolut vertrauenswürdigen – Online-Shop namens „Sparshopchen24.de“.

Nun haben die Betreiber des besagten Shops aber trotz erfolgter Zahlung keine Ware geliefert :(

Und auf („böse“) Emails haben sie auch nicht reagiert :(

Fazit: Böses Intenet?

(Quelle: Der Spiegel 27/2011, Seite 28ff.)

Wer seinen Körper mit dem öffentlichen Leben verbindet, läuft Gefahr, ausgespäht und abgezockt zu werden. Auch Kleidung und die großräumige Umgehung sozialer Brennpunkte schützen nur bedingt.

Brennesselplantage 2011

Hamburg, 1987-1992

Der Hochstapler Jürgen Harksen gibt sich als Anlageberater aus und bringt Anleger dazu, in – real (natürlich) nicht existierende – Investmentunternehmen zu investieren. Unter Renditeversprechen von bis zu 1300%(!). Das Landgericht Hamburg stellte hierzu in seinem Urteil vom 11. April 2003 fest, dass er im oben genannten Zeitraum, von etwa 300 Geschädigten mindestens 150 Millionen DM betrügerisch erlangt habe.

Und dann hat er sich 1993 (erstmal) nach Kapstadt abgesetzt um der bevorstehenden Verhaftung zu entgehen.

Als er dann schlussendlich ausgeliefert wurde, konnte er unter Anderem wegen Verjährung „nur noch“ wegen eines Schadens von 30 Millionen DM belangt werden.

Fazit: Böse Anlageberater? Böse Investmentunternehmen? Böse Hochstapler? Böses Internet?

(Quelle: Wikipedia)

Darf’s noch etwas mehr sein?

Einfalt und Gier hat es auch ohne das Internet gegeben (auf Seiten der Geschädigten, wohlgemerkt).

Kriminelle Energie und entsprechende Luftschlösser hat es ebenfalls ohne das (böse) Internet schon gegeben.

Und all das gibt es natürlich auch im Zeitalter des Internets, warum – zur Hölle! – auch nicht?

Der Unterschied in den beiden Beispielen ist marginal: In ersterem hätte dem Suchenden etwas weniger „Geiz ist geil“-Mentalität bares Geld gespart. (Oder eine einfache Web-Suche nach besagtem Shop, aber das wäre zu einfach, nicht? Außerdem hätte eine Erwähnung dieser Möglichkeit inhaltlich nun gar nicht zum Artikel gepasst.) Beim zweiten Beispiel hätten eine gesunde Portion Misstrauen und ein paar unbequeme Fragen gereicht, um mit Sicherheit Unstimmigkeiten in den Märchengeschichten nebst Traumrenditen ans Licht zu bringen.

Aber es ist nunmal wie es ist. Die Leute stellen keine Fragen, die Leute legen es doch – beim besten Willen – darauf an, verarscht über den Tisch gezogen zu werden. Solche Geschichten erinnern mich immer an folgende Szene aus „Die Simpsons“:

Natürlich macht es die Fahrlässigkeit (juristisch nicht unbedingt korrekt ausgedrückt!) der Geschädigten nicht zum Kavaliersdelikt. Aber sie ermöglicht es überhaupt erst. Sie macht es zum lukrativen Geschäft, weil es eben so viele fahrlässige Leute gibt. Von mir aus auch „naiv“, „gutgläubig“, oder was auch immer.

Wenn ich meine Wohnungstür grundsätzlich offen lasse, brauche ich mich nicht zu wundern, wenn mein Laptop und das (fiktive) Meißener Porzellan irgendwann nicht mehr da sind. Und das unabhängig davon ob ich in ’nem Bonzen-Vorort oder dem versifftesten Stadtteil aller Zeiten wohne. Und wenn das passiert, ist nicht die Tür oder die Treppe die zur Tür führt, schuld. Sondern ich (weil ich die Tür offen gelassen habe) und der Dieb (weil er die offene Tür bewusst zum Diebstahl ausgenutzt hat).

Und genau so läuft es doch in den beiden Beispielen: Wenn ich der Meinung bin, dass 600€ Preisunterschied (oder eben 1300% Rendite) a) realistisch sind und es b) da anscheinend keinen Haken an der Sache gibt, dann kann ich da mein Geld reinstecken, spricht ja nix dagegen, mit meinem Geld kann ich ja machen was ich will (genauso wie mit meiner Tür). Aber wenn’s schief geht, kann ich dafür nicht das Internet in die Verantwortung nehmen, nur weil das (vermeintliche) Geschäft darüber abgewickelt wurde. Wie oben: Daran sind wieder ich (weil ich blauäugig/gierig war und die „Tür“ geöffnet habe) und der Betrüger (weil er die von mir geöffnete Tür bewusst und vorsätzlich zum Betrug nutzte) schuld. Und derjenige der mich da betrogen hat, wird auch in der heutigen Zeit nicht zum „Internet-Verbrecher“, sondern er bleibt schlicht und ergreifend ein „normaler“ Verbrecher. Genauso wenig wie der Dieb, nicht zum „Tür-Dieb“ oder zum „Treppen-Dieb“ wird. Nicht mehr, nicht weniger.

Aber ohne den Zusatz „Internet“ lässt sich nunmal weder eine schöne Geschichte stricken (wen interessiert ein um 400€ geprellter Hamburger Kite-Buggy-Fahrer?), noch eine negative Grundstimmung gegenüber einem Medium erzeugen, das uns allen sehr viel mehr nutzen als schaden kann. Zumindest dann, wenn wir ein Mindestmaß an Misstrauen, Kompetenz und – vor allem – gesundem Menschenverstand mitbringen.

Und am aller putzigsten ist der Schlusssatz eines BKA-Fahnders:

Seither gebe es bei ihm zu Hause zwei Rechner. Einen nutzt er zum Surfen im Internet. Der andere ist ausschließlich für Bank- und Kaufgeschäfte reserviert.

Der Spiegel 27/2011, S. 38

Es wird also alles gut. Ganz bestimmt. Wir brauchen nur zwei Rechner. Oder zwei Türen. Und falls das nicht reicht (was absolut unwahrscheinlich ist) haben wir ja noch die Spezial-Experten von BKA und Spiegel, die uns im Zweifelsfall das selbstständige Denken abnehmen…

[Update: Zwei, drei Worte eingefügt und Typos gefixt]

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